Anleitung zum Selbsthass – Fitnessmagazine im Test

Ich liebe Illustrierte. Mit ihren Hochglanzfotos und griffigen Seiten, mit dem schicken Design und in dieser praktischen Größe. Allerdings hasse ich alles, was im Entferntesten mit irgendwelchen Mitgliedern der Königsfamilie oder Costa Cordalis‘ Ehedrama zu tun hat. Dann lieber eine Geo Epoche, Zeit Campus oder, wenn ich ganz verwegen drauf bin, die Visions. Fitnessmagazine sind doch sicher auch interessant. Dachte ich. Also machte ich mich auf zu Kiosk, um mich mit FitMags en masse einzudecken und sie für euch zu lesen. Na ja, ersteres ging schon mal schief.

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Denn von „en masse“ kann man bei drei verschiedenen Exemplaren wirklich nicht sprechen. Da ich sportlich eher der Durchschnittstyp bin, habe ich so spezialisierte Sachen wie das Golf Journal, BIKE – das Mountainbike Magazin oder das swimsport magazine außen vor gelassen. Übrig blieben dann Women’s Health, Fit for fun und das mir bis dahin völlig unbekannte Active Woman Magazin. Fangen wir doch mal damit an.

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Active Woman (im Pocketformat)

Eckdaten: „Gesund. Erfolgreich. Fit“ kommt es auf der Titelseite hochtrabend daher. Außerdem „Mit vielen Gewinnspielen“ – automatisch schätze ich die Zielgruppe auf 50+. Herausgegeben wird das Magazin vier Mal im Jahr vom Markenverlag, der unter anderem auch das Kreativmagazin und eine Zeitschaft namens Fit 50+ herausbringt. Habe mich also wohl doch geirrt mit der Zielgruppe…

Preis: 2,90€ für die Zeitschrift im Handtaschenformat – da kann man nicht meckern, vor allem, weil das Ding ja eh nur alle drei Monate rauskommt.

Layout: Das schlichte Layout mit den knalligen Farben wirkt nicht ganz so hochkarätig, wie man das von anderen Lifestyle-Magazinen gewöhnt ist. Und die Schriftgröße macht meine Zielgruppen-Theorie dann völlig zunichte – die winzigen Buchstaben verursachen beim Lesen in schwankenden öffentlichen Verkehrsmitteln Kopfschmerzen und Übelkeit. Wobei letzteres eher auf den Inhalt zurückzuführen ist.

Inhalt: Es geht direkt los mit … Werbung. Keine Anzeigen, sondern eine Doppelseite mit Produkttipps, Überschrift „Active News“. Wer aber Nachrichten aus dem Fitnessbereich erwartet, liegt voll daneben: Neben wärmender Fußcreme und Yogakissen werden auch Bücher und Sportbekleidung angepriesen. Gähn. Aufmacher-Themen sind Seilspringen, Motivationstipps sowie „Fit und schlank in 1,3 oder 6 Monaten“.

Der Artikel übers Seilspringen mit Fernanda Brandao ist ganz nett, fällt aber unter die Kategorie viel geredet, nichts gesagt. Als Tipp steht da doch tatsächlich: „Sie können im Haus, im Garten oder auf dem Balkon springen“. So! Und sonst nirgends!

Die Motivationstipps sind so ein typisches Service-Thema. Natürlich wird ein Psychologe zurate gezogen, natürlich steht da sowas wie „Selbstgespräche können uns nach unten ziehen, aber auch motivieren“. Hat mir immerhin geholfen, den Artikel zu Ende zu lesen.

Das große Titelthema auf 21 Seiten ist gut gemacht: Ausführlich, mit Workout- und Ernährungstipps, viel Expertenzitaten und interessanten Fakten. Gut gefallen hat mir der Fokus: Fitter und gesünder werden ist das primäre Ziel, dass man nebenbei automatisch abnimmt, ein schöner Nebeneffekt. Endlich wird mir nicht per se unterstellt, dass ich nur Sport mache, um abzunehmen. Wer sich allerdings auch nur oberflächlich bereits mit Training und Ernährung auseinander gesetzt hat, lernt in diesem Artikel nichts Neues.

Eine Sache war so absurd, dass ich zuerst dachte, der Artikel sei ein Witz: Unter dem Titel „Lust auf einen neuen Job?“ wurden die „7 Top-Berufe der Boombranche“ vorgestellt – in höchstens zehn Sätzen. Mit dabei: Die Anti-Stress-Trainerin, die Ayurveda-Expertin und die Farb- und Stilberaterin. Also, wenn ihr keinen Bock mehr habt, bei Aldi hinter der Kasse zu hocken, sagt doch den Leuten einfach, dass man rot und grün besser nicht kombiniert – damit werdet ihr reich!

Ansonsten gibt es nicht viel zu sagen/lesen: Die obligatorischen schnellen, gesunden UND kalorienarmen Rezepte sind dabei, ebenso wie Reisetipps und weitere zehn Millionen Produkttipps. Tipps, Tipps, Tipps. Außer einem Bericht über ein weibliches Team beim Transalpine-Run 2015 keine einzige Geschichte.

Fazit: Okay, die Redaktion ist offenbar winzig (im Impressum sind ganze zwei Redakteurinnen gelistet). Und Geld ist bei Zeitschriften ja immer Mangelware. Aber dann lasst es doch bitte einfach sein und haut nicht so einen Scheiß raus.

Women’s Health (im Pocketformat)

Eckdaten: Erscheint jeden Monat im Rodale-Motor-Presse Verlag – ist also ein US-Import. Das Pendant Men’s Health für die Herren der Schöpfung kennt man hier auch – ich habe mich aber nicht kompetent genug gefühlt, das zu bewerten ;D

Preis: 2,50€ für das kleinere Format, auch das finde ich für einmal im Monat total in Ordnung.

Layout: Moment mal, ist das da Britney Spears auf dem Cover? Die gibts noch? Abgesehen davon: „Jetzt echt noch besser“ steht auf dem Cover. Als hätten sie es schon mal versprochen, dabei aber gelogen. Egal, auf jeden Fall wurde das Layout komplett überarbeitet und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Matte Seiten in passenden Farben: so erinnert es mit den vielen verschiedenen Formen und Bannern stark an einen Weblog. Aber auch hier leidet die Schriftgröße zugunsten den Handtaschenformats.

Inhalt: Man merkt direkt, dass die vom Rodale-Motor-etc. mehr Kohle haben als der Markenverlag. 24 Seiten mehr und nicht nur serviceorientierte Artikel. Nicht nur – aber fast.

Titelthema „Workout-Geheimnis von Britney Spears“ wird direkt am Anfang abgehandelt, es gibt eine Art Homestory und Madame Spears‘ Trainingsplan zu lesen.

Danach direkt die erste Rubrik, über die ich mich geärgert habe: „Dates – Was im April Spaß macht“. Auf der ersten Doppelseite steht neben dem „Tag der Kissenschlacht“ und dem Geburtstag des Magazins auch der Ostermontag und der Tourbeginn von Deichkind. Jeder Termin wird von einem passenden Produkt samt Preis und Hersteller begleitet. Diese fadenscheinigen Termine habe ich jetzt echt nicht gebraucht und das Sitzkissen-Ostereier-Nest für 2700 Euro auch nicht.

Größte Story: Der ultimative 3-Monats-Trainingsplan. Hm, kommt mir irgendwie bekannt vor. Pro Monat werden vier bis fünf Übungen vorgestellt, dazu eine Handvoll Tipps, wie man sein Ziel erreicht. Ich würde das halt niemals aus einer Zeitschrift nachmachen. Einen Monat lang immer dieselben 4 Übungen – schnarch! Da bleibe ich lieber bei meinen Workout-Videos.

Dennoch ist das Magazin sehr fitnessorientiert und enthält auf die 122 Seiten verteilt immer mal wieder Anleitungen für bestimmte Übungen, die Lust machen, beim nächsten Muckibudenbesuch mal was Neues auszuprobieren.

Women’s Health macht keinen Hehl daraus, auch ein Lifestyle-Magazin zu sein. Deswegen gibt es auch solche Themen wie Tipps gegen Blasenentzündung, Rezepte (schnell, gesund UND kalorienarm), ob Milch wirklich gesund ist und natürlich viele Styling und Mode-Tipps. Es gibt aber auch manchmal echt gut recherchierte, spannende Geschichten, zum Beispiel einen kritischen Bericht über das Einfrieren von Eizellen – leider auf die letzten Seiten verbannt.

Fazit: Das ganze Mode- und Schmink-Gedöns ist nicht so meins. Was mich aber viel mehr gestört hat, ist das Gefühl, das mich beim Lesen oft überkommen hat: Ich bin nie gut so, wie ich bin. Ständig werde ich in Klischees gepresst und mir wird erzählt, was ich alles kaufen muss, um besser zu sein, wie viel ich abnehmen muss, um endlich gut auszusehen. Deswegen gibts dafür nur einen seitlichen Daumen (sagt man das so? Ihr wisst schon, was ich meine).

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Fit for fun (nicht im Pocketformat)

Eckdaten: Erscheint einmal im Monat im Fit for fun Verlag, ist aber „ein Magazin der BurdaNews“ also Burdaverlag. Richtet sich augenscheinlich an beide Geschlechter.

Preis: 3,30€ für das (fast) DinA4 Format. Finde ich für 130 Seiten okay, vor allem auch, weil mir der Inhalt gefällt.

Layout: Fit for fun kommt mit seinen glänzenden Seiten und schlichteren Grafiken nicht ganz so modern und stylish daher wie Women’s Health, passt aber gut zum Image der etwas seriöseren Fitnesszeitschrift. Da es eben auch für Männer sein soll, finden sich nicht so viele Rosa- und Violetttöne. Find ich gut 😀

Inhalt: Es gibt viele Überschneidungen mit Women’s Health: Bei den Rezepten (schnell, gesund UND kalorienarm) ist der Schwerpunkt jedes Mal Pasta und beide haben einen „Special-Teil“ zum Thema Joggen dabei. Dennoch gibt es bei FFF nicht so viel Lifestyle-Kram, die Fitness steht eher im Vordergrund. Das Jogging-Special ist interessant und umfangreich, inklusive Trainingspläne für Anfänger, Wiedereinsteiger und Fortgeschrittene.

Endlich mal wirklich eine Sportart, von der ich noch nichts gehört habe (ganz im Gegensatz zum Seilspringen): Crossfit-Yoga. Wie diese beiden Dinge zusammen gehen, wird ausführlich beschrieben, danach folgen nett aufgemachte Motivationstipps (ohne Psychologen, dafür in Kooperation mit Intersport). Auch hier erwartet die Leser (C-)Prominenz: Ein Tag im Leben von Jennifer Garner, ein Mini-Interview mit Vin Diesel und eine größere Story über Moderator Matthias Killing. Spannend… Nicht.

Viel besser hat mir die spannende Story über ein Segel-Wettrennen gefallen, dass einmal um die Welt geht und neun Monate dauert. Porträtiert wurde dabei die einzige Frauenmannschaft des Rennens.

Und dann halt sechs Seiten Mode, die ich potthässlich finde und mir in den meisten Fällen eh nicht leisten kann (einen Pullover für 189€ – ehm, nein). Aber das ist Geschmackssache.

Eigentlich ein rundum solider Eindruck – bis auf den „Bin ich sexy?“ Artikel. Der eigentlich mit diesem Schönheitszwang Schluss machen will, dann aber nur Fakten über Nasen OPs von amerikanischen Teenagern raushaut und am Schluss einen fiesen Psychotest in petto hat: „Habe ich Sex-Appeal?“. Wie gut, dass ich die FFF habe, die mir das sagt.

Danach versöhnt sie mich aber mit interessanten Food-Facts und gefälligen Reisetipps.

Fazit: Von allen drei Magazinen das, welches mir am besten gefallen hat. Fokus ganz klar auf Fitness und Ernährung, einige spannende Themen. Dennoch würde ich mir mehr spannende Sportler-Portraits wünschen, Geschichten, Reportagen, Dinge, die ich noch nicht wusste und weniger Werbung, versteckte Werbung und Tipps.

 

Wenn ihr schon immer mal ein (gutes) Fitnessmagazin starten wolltet – macht es (oder werdet Farb- und Stil-Beraterin)! Ich finde, da ist noch ganz viel Luft nach oben. Alle drei Magazine wollen mich ganz offensichtlich nicht überfordern und ersparen mir deshalb komplizierte sport-/ernährungswissenschaftliche Sachverhalte oder anspruchsvolle Themen. Ich benutze meinen Kopf aber gern und ich lerne gerne neue Sachen.

Bex

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2 Gedanken zu “Anleitung zum Selbsthass – Fitnessmagazine im Test

  1. 😀 Rebecca du wärst doch eine geborene Stile- Beraterin, mit deiner genialen Art zu kritisieren! 😉 Ich liebe einfach deine Fazite!
    Zum Thema: ich finde es echt schade (und das gilt auch für Fitness-FB Seiten genauso) dass Magazine etc. sich mit Fitness brüsten und sich dann aber doch nur als Wannabe – Lifestile Ratgeber entpuppen 😛 …deswegen ist mir mein Geld für so was zu schade – da finde ich deine genialen website – Fitnesstrainer deutlich besser 😉

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